Einleitung
Im Garten zu Gethsemane war es, wo der wiederauferstandene Gottessohn sich als schlichter Gärtner der büßenden Sünderin zeigte. Das Wunder ist zur frommen Legende geworden – lange, zu lange ist es her, er ist dahin, kein Auge hat ihn je wieder gesehen. Selbst da der Auferstandene unter den Zeitgenossen wandelte, sahen ihn nur die, die ihn sehen wollten. Aber die, welche ihn sehen wollen – sehen ihn auch heute noch, und die ihn suchen wollen – finden ihn heute noch. Der Garten von Gethsemane ist versunken und verschüttet, die heiße Sonne des Orients hat ihn vertrocknet. Alles ist dem Wechsel unterworfen. Die Erdrinde verändert sich, und wo einst der Oelbaum gegrünt und die Zeder ihr Laubdach über dem Haupt des Erlösers und der Büßerin gewölbt, da ist jetzt totes, verdorrtes Land. Aber er ist wieder erblüht an einem anderen Ort in einem der kühlen, schattigen Täler deutscher Berge – Oberammergau, so heißt das moderne Gethsemane. Wie die Sonne ihren Kreislauf von Morgen gen Abend macht, so hat das Heil, das vom Morgenland kam, seinen Weg über die Erde genommen zum Abendland. Dort fließen noch in jugendkräftigen Völkern die lebendigen Ströme, die Glaubenssaat zu tränken, aus der sich das Wunder nährt, und die dürftige Bergtanne, die dem harten Gestein des Ettaler Gebirgs entsprossen, verwandelt sich zur Palme, der arme Bewohner des kleinen Bergdorfs zum Gott. Es ist ein Wechsel und