August der Starke
Es war im Herbste. Im königlichen Schlosse zu Dresden, das schwarz und finster über die dunklen Schatten, welche es umgaben, hoch emporragte, herrschte Grabesstille. Der August war kaum zu Ende, die Zeit der Regen und eiskalten Winde noch nicht gekommen, alle Bäume trugen noch ihren vollen Blätterschmuck. Wenngleich die Tage zu dieser Jahreszeit schön, die Nächte lau und klar zu sein pflegen, stürmte es in jener Nacht, da unsere Erzählung beginnt, dennoch mit geradezu winterlichem Ungestüm. Ein kalter, von Norden kommender Wind jagte die dunklen Wolken über den Himmel, zerriß sie und drängte sie wieder zusammen, so daß der blasse Schimmer der Sterne kaum auf Augenblicke sichtbar war. Am Sanct Georgs-Thor, vor dem Gitter des Schlosses und in den Höfen desselben gingen schweigende Schildwachen langsam auf und nieder. Die Fenster der königlichen Empfangssäle, denen sonst die rauschenden Klänge entzückender Tanzweisen, der Glanz von tausend und abertausend Kerzen entströmten, starrten heute lichtlos in die Nacht hinaus. Diese Ruhe, diese Todtenstille war eine Seltenheit am Hofe August's II., den man den Starken nannte und der diesen Beinamen in der That verdiente. Besaß er doch die Kraft, nicht allein Hufeisen, sondern auch Herzen zu brechen, ließ er sich doch von keinerlei Mißgeschick und Kummer bewältigen, blieb er doch immer unerschütterlich, unbeugsam. Der Dresdener Hof hatte