Die Gräfin Cosel in Berlin
In den ersten Decennien des achtzehnten Jahrhunderts war Berlin kaum erst ein schwacher Schatten von der stolzen Residenz, die sich heute an den Ufern der Spree ausdehnt. Es begann eben seine Glieder etwas zu recken; wohin man blickte, sah man neuerstehende Gebäude. Indessen hatte es doch schon ganz das Aussehen einer ansehnlichen Stadt. Das Erste, was dem Auge auffiel, waren die vielen Kasernen und Soldaten. Größte Ruhe und Ordnung herrschte in der neuen Stadt; nicht selten und nicht mit Unrecht hat man sie mit einem Kloster verglichen. Nichts geschah hier durch die Initiative oder den Willen der Bevölkerung – alles auf Befehl von oben. Das Anwachsen der Bevölkerung, die Verschönerung der Stadt, Handel und Wandel, alles und jedes entstand und entwickelte sich hier wie mit einem Schlage und in ganz anderer Weise als anderswo. Man konnte sich schwer etwas Traurigeres denken, als diese von den schmutzigen Fluthen der Spree bespülte neue Hauptstadt Preußens. In den öden Straßen begegnete man viel mehr Soldaten als sonstigen Bewohnern und unaufhörlich war das Geschmetter der Trompeten, das Gelärm der Trommler und Pfeifer zu vernehmen – weit häufiger als das Läuten von Glocken, denn Berlin zählte damals weit mehr Kasernen als Kirchen. In den Hauptstraßen reihten sich große Gebäude schnurgerade aneinander, denen man es förmlich ansah, daß sie nicht jedes einzeln nach dem Wunsche und